Umdenken in der Varroabehandlung

Einleitung – Die Frage, die niemand stellt

Die Varroamilbe gilt weltweit als grösste Bedrohung für die Honigbiene. Auch in der Schweiz sind jährliche Völkerveluste in vielen Imkereien zur Gewohnheit geworden – ein Zustand, den niemand einfach hinnehmen sollte. 

Lange war die Antwort scheinbar klar: zweimal Ameisensäure im Sommer, einmal Oxalsäure im Winter – so die Faustregel, die in fast allen Grundkursen vermittelt wird. Es ist ein klarer, einfacher Behandlungsplan. Und er hat vielen Völkern tatsächlich das Überleben gesichert.

Doch wie jede Routine hat auch diese ihre blinden Flecken. Denn kaum jemand fragt: Was passiert eigentlich langfristig, wenn wir jedes Volk gleich behandeln – ganz gleich, ob es stark befallen ist oder kaum Milben hat? Und was wäre, wenn wir nicht nur auf das Überleben der Völker schauen, sondern auf deren Fähigkeit, sich selbst gegen die Varroamilbe zu behaupten?
 

Ziel muss sein, resistente oder zumindest tolerante Bienenlinien zu erkennen, zu erhalten und zu verbreiten. Die gängige Behandlungspraxis hilft kurzfristig – aber sie verhindert genau diesen langfristigen Entwicklungspfad.

Wie wir heute behandeln – und warum das (zu) einfach ist

Das in der Schweiz am häufigsten angewendete Konzept zur Varroabehandlung stammt vom Bienengesundheitsdienst (BGD). Es beruht auf drei Säulen: Den Milbenbefall beobachten, die Vermehrung der Milben bremsen und rechtzeitig behandeln – meist mit organischen Säuren.

In der Praxis läuft das Jahr meist so ab:

  • Im Frühjahr: Drohnenwaben schneiden, Jungvolkbildung
  • Im Sommer: Zwei Behandlungen mit Ameisensäure (Juli/August oder September)
  • Im Winter: Oxalsäurebehandlung im brutfreien Zustand 


Auf dem Papier funktioniert das. Und oft auch in der Praxis. Was dabei allerdings kaum thematisiert wird: Diese standardisierten Eingriffe verhindern jede natürliche Selektion auf Widerstandsfähigkeit. Sie wirken kurzfristig – aber sie ermöglichen nicht, dass sich Varroaresistenz in der Population entwickeln oder verbreiten kann.


Wenn alle gleich sind, bleibt niemand besonders 

Behandeln wir alle Völker gleich – unabhängig vom Milbenbefall, unabhängig von der genetischen Veranlagung –, dann verwischen wir Unterschiede. Wir erkennen nicht mehr, welche Völker vielleicht von sich aus mit der Varroamilbe besser umgehen könnten. Und wir verhindern, dass sich genau diese Völker durch gezielte Vermehrung in der Population ausbreiten.

"Wir retten anfällige Völker – und verhindern, dass robuste erkennbar werden."


Damit züchten wir auf Dauer nicht gesündere Bienen – sondern Bienen, die dauerhaft auf Behandlung angewiesen bleiben. 

Was bedeutet Varroaresistenz? Varroaresistenz ist die Fähigkeit eines Bienenvolks, den Milbenbefall selbstständig unter der Schadschwelle zu halten – sei es durch hygienisches Verhalten (z. B. VSH), durch kurze Brutdauer, geringe Attraktivität für Milben oder andere Verhaltensmerkmale.
 

Diese Eigenschaften entstehen nicht durch Behandlung – sie entstehen durch Selektion. Und genau die wird durch flächendeckende, prophylaktische Behandlung systematisch unterbunden. 


Eine neue Richtung: beobachten statt pauschal behandeln 

Was wäre, wenn wir den Kalender zur Seite legen und stattdessen genau hinschauen würden? Wenn wir lernen, den tatsächlichen Milbenbefall zu messen – mit dem natürlichen Milbenfall, mit der Auswaschmethode, mit Alkoholtest oder CO₂-Messung? Wenn wir dann erst entscheiden: Behandeln oder nicht?

Der Weg dahin ist nicht neu – aber er ist noch nicht breit begangen. Er führt über das, was wir biotechnische Verfahren nennen: Methoden, die ohne Medikamente auskommen, aber gezielt den Entwicklungszyklus der Varroamilbe unterbrechen.

Biotechnische Massnahmen – was sie sind und warum sie wirken

Biotechnische Verfahren setzen an der Achillesferse der Varroa an: ihrer Bindung an die verdeckelte Brut. Ohne Brut keine Fortpflanzung – so einfach ist das Prinzip. Und genau hier setzen die Methoden an: 


  • Brutstopp, z. B. durch Käfigen der Königin oder Brutableger
  • Totale Brutentnahme (TBE)
  • Fangwabe oder Bannwabe
  • Jungvolkbildung mit gezieltem Neuanfang


Diese Methoden reduzieren nicht nur den Milbenbefall – sie erlauben uns auch, gezielter hinzusehen. Ein Volk, das ohne Behandlung gut durchkommt, ist wertvoll – für die eigene Imkerei, aber auch für die Zuchtarbeit insgesamt.

Biotechnische Massnahmen erzeugen keine Varroaresistenz – aber sie machen sie sichtbar. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass sich Resilienz erkennen, erhalten und verbreiten kann. 


Der Brutstopp – natürlich, wirkungsvoll, zukunftstauglich

Besonders wirkungsvoll ist der Brutstopp. Er ist kein künstlicher Eingriff, sondern ein natürlicher Zustand, den Bienenvölker selbst herbeiführen – etwa beim Schwärmen. In dieser Phase fehlt der Milbe der Brutraum. Die Milben werden phoretisch – also auf den Bienen – und sind damit gut angreifbar.

Wird der Brutstopp mit einer Oxalsäurebehandlung kombiniert – im brutfreien Zustand – ist die Wirkung besonders hoch. Oder er wird mit einer Fangwabe gekoppelt, in die sich die Milben gezielt sammeln – und dann entfernt werden.

Der Brutstopp ist nicht nur gegen Varroa effektiv, sondern auch gegen Tropilaelaps ., eine Milbe, die in Asien bereits grosse Schäden verursacht und sich durch Globalisierung mit grosser Wahrscheinlichkeit auch in Europa ausbreiten wird. Diese Milbe kann sich – wie Varroa – nur in verdeckelter Brut fortpflanzen, überlebt ausserhalb davon jedoch nur sehr kurz. Ein gezielter Brutstopp kann sie rasch zum Erliegen bringen. 

Wer diese Methode heute beherrscht, ist für künftige Herausforderungen besser gerüstet.

Alle müssen mit – sonst funktioniert es nicht

Doch eines ist entscheidend: Einzelne Umstellungen reichen nicht aus. Varroaresistenz ist ein populationsweites Phänomen – sie kann sich nur dann entwickeln und verbreiten, wenn viele Völker nach denselben Kriterien beurteilt und gezielt selektioniert werden.

Wenn ein Imker mit Zuchtambition resistente Völker erkennt und vermehrt, aber rundherum alle weiterhin pauschal behandeln, hat diese Resistenz kaum eine Chance, sich in der Population zu etablieren.

Um die von Züchtern ausgelesenen Resistenzmerkmale in der allgemeinen Bienenpopulation zu verankern, braucht es eine breite Beteiligung: Möglichst alle Imkerinnen und Imker müssen lernen, Befallsunterschiede zu erkennen und gezielt zu reagieren – etwa, indem anfällige Völker mit Nachzuchten widerstandsfähiger Linien umgeweiselt werden.

Das wiederum setzt voraus, dass wir uns von der bislang üblichen, prophylaktischen Behandlung aller Völker mit Medikamenten verabschieden. Nur so können Unterschiede sichtbar werden – und genutzt werden.

Eine saisonale Brutpause, wie sie in der Natur beim Schwärmen vorkommt, kann durch geeignete biotechnische Massnahmen herbeigeführt werden – etwa durch Käfigung der Königin, Brutentnahme oder Bildung eines Brutablegers. Solche Massnahmen führen zu einer rechtzeitigen, wetterunabhängigen Reduktion von Milben- und Virenlast – und schaffen die Grundlage für einen gesunden Start in die Winterbienenaufzucht.

Gleichzeitig bringen sie praktische Vorteile mit sich:

  • Höherer Honigertrag
  • Völkvermehrung aus gesunden Einheiten
  • Erneuerung von Brutwaben
  • Gute Überwinterungsstärke


Bei einer solchen Betriebsweise können Bienenvölker mit guter Resistenzveranlagung den Befallsdruck ganzjährig unter der Schadschwelle halten – ganz ohne chemische Behandlung. Einfache Befallskontrollen, etwa über den natürlichen Milbenfall oder durch Bienenproben, helfen dabei, den Überblick zu behalten und gezielt zu handeln – sei es durch eine Behandlung oder durch Umweiselung anfälliger Völker. 

Die Rolle der Vereine – und der Ausbildung

Hier kommen die Imkervereine ins Spiel. Sie gestalten die Ausbildung, bieten Weiterbildung, geben Empfehlungen ab. Sie prägen, wie Neuimkerinnen und Neuimker an die Bienengesundheit herangeführt werden.

Wenn wir das Behandlungsparadigma verändern wollen, müssen wir bei der Ausbildung beginnen.

  • Biotechnische Methoden gehören nicht in die Fussnote, sondern ins Zentrum.
  • Milbenmonitoring muss Standard sein – nicht Ausnahme.
  • Brutstopp, TBE und Co. sollen in Kursen geübt werden – nicht nur als Theorie vermittelt.


Imkervereine sind Schlüsselakteure – nicht nur für die Gesundheit der Bienen, sondern auch für die Zukunft der Imkerei. Sie müssen aktiv zur Sensibilisierung beitragen, Austausch fördern und mit gutem Beispiel vorangehen. 

Fazit – Weniger behandeln, mehr verstehen 

Die Varroabehandlung muss raus aus dem Modus „alle Jahre wieder“. Sie braucht Beobachtung, Verständnis und den Mut zur Differenzierung. Nicht jedes Volk braucht dieselbe Behandlung. Und nicht jede Behandlung hilft, wenn wir das Ziel aus den Augen verlieren: gesunde, vitale Bienenvölker, die sich langfristig selbst behaupten können.

Der Weg dahin ist kein einfacher. Aber er ist machbar – und viele sind ihn bereits gegangen. Es wird Zeit, dass wir alle mitgehen. 

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